 |
Erster Grundsatz bei Partnerübungen ist die Selbstdisziplin, damit die Übungen so
korrekt und konzentriert gemeistert werden, dass auch der kleinere, ungeübtere, weniger
Erfahrene auf seine Kosten kommt. Dies gilt vor allem beim Jiyu-Ippon-Kumite. Dort
ist es natürlich dem Erfahrenen ein leichtes, den Unerfahrenen durch Ki
(Kampfgeist), Kraft und Entschlossenheit zu überwältigen. Doch das sollte nur in
ernsten Situationen der Fall sein, nicht im Training. Beim Keiko sollen beide
Fortschritte machen, unabhängig von der Graduierung des einzelnen. Das kann so
aussehen, daß der Erfahrene Techniken ausprobiert, die er bei einem
gleichwertigen Gegener nur sehr schwer oder gar nicht einsetzen kann. Er sollte
ferner noch mehr Wert auf Präzision und Kontrolle legen. Hieraus profitieren dann
beide. Der Hauptzweck der Übungen soll sein, die Vervollkommnung der eigenen
Geschicklichkeit zu üben und nicht die Niederlage des Partners.
Ein weiterer Punkt des Keiko ist das Ki-Kai. Ki-Kai ist der "richtige" Zeitpunkt,
sich im Kampf nach vorne zu bewegen, in der Kata nach langsamen Bewegungen in
schnelle überzugehen und umgekehrt. Ki-Kai ist äußerst wichtig, ein Meister wird
sich nämlich nur dann bewegen, wenn es für ihn vorteilhaft ist, dann jedoch mit
aller Entschlossenheit!
Ein Beispiel: Beim Jiyu-Ippon-Kumite treten zwei Kämpfer gegeneinander an, ein
Meister und ein Schüler. Nach Beendigung des Kampfes hat der Meister gewonnen,
obwohl er sich weniger bewegt hat. Der Schüler hingegen hat sich sehr viel bewegt,
ist ausser Atem, vielleicht unfähig, noch einen Kampf zu bestreiten - der Meister
hingegen nicht. Der Meister hat es verstanden, nicht ungestüm vorzupreschen sondern
den "richtigen" Zeitpunkt abzuwarten, bis er mit einer blitzschnellen Reaktion
seine kontrollierte Technik vollendet. Er beherrscht das Prinzip von Entspannung und
Anspannung, während ein Schüler meist nur angespannt ist.
Auch das Verhalten
innerhalb des Dôjôs ist von enormer Wichtigkeit. Ein wahrer Meister wird sich immer
an sein erstes Training erinnern. In diesem wurde ihm erklärt, wie er sich auf dem
Dôjô zu verhalten hat und welche Pflichten (Sauberkeit, Pünktlichkeit, Gruß vor dem
Betreten des Dôjôs und vor dem Verlassen etc.) er hat. Wer diese einfachen Regeln
nicht beherzigt, der wird auch beim Keiko seinen Partner nicht zum Zug kommen
lassen und niemals zu geistiger Reife innerhalb wie außerhalb des Dôjôs gelangen,
weil es ihm an Selbstdisziplin fehlt. Er wird auch das Dôjô nur als irgendeinen
alten Raum ansehen und nicht als einen ganz besonderen Ort.
Text: René Traut |
 |